Autistische Züge bei Erwachsenen: was sie bedeuten und wann sie mehr sind
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Autistische Züge bei Erwachsenen: was sie bedeuten und wann sie mehr sind

Sie gehen nach einer Feier früher nach Hause, weil Gespräche Sie mehr Kraft kosten als andere. Sie mögen feste Abläufe, und wenn ein Plan kurzfristig kippt, brauchen Sie eine Weile, bis Sie sich umgestellt haben. Ein Thema kann Sie über Wochen so fesseln, dass Sie alles darüber lesen. Irgendwann sagt jemand halb im Scherz, Sie hätten autistische Züge, und die Frage bleibt hängen: Was heißt das, und heißt es etwas?

Was mit autistischen Zügen gemeint ist

Gemeint sind Eigenschaften, die auch bei Autismus vorkommen, nur einzeln oder schwächer: Mühe mit beiläufigen Gesprächen, eine Vorliebe für Routinen, sehr vertiefte Interessen, eine besondere Empfindlichkeit für Geräusche, Licht oder Berührung. Solche Eigenschaften sind in der Bevölkerung nicht entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Sie verteilen sich kontinuierlich: Die meisten Menschen haben einige davon in geringem Maß, manche mehr, wenige sehr viele. Das zeigte eine große Zwillingsstudie aus den USA (Constantino & Todd, 2003). Eine schwedische Zwillingsstudie fand außerdem, dass das obere Ende dieser Verteilung und die Diagnose Autismus weitgehend dieselben erblichen Einflüsse teilen (Lundström et al., 2012).

Autistische Züge sind also kein Etikett, das man hat oder nicht hat. Sie beschreiben, wo Sie auf einer Skala liegen, auf der alle Menschen irgendwo stehen.

Züge sind nicht dasselbe wie eine Diagnose

Für die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (6A02) verlangt die ICD-11 der WHO mehr als das Vorhandensein solcher Eigenschaften. Die Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und die eingeschränkten, sich wiederholenden Verhaltensmuster müssen dauerhaft bestehen, in der Entwicklung begonnen haben und so ausgeprägt sein, dass sie das persönliche, familiäre, soziale, schulische oder berufliche Leben deutlich beeinträchtigen. Manche Menschen gleichen das lange mit großem Aufwand aus. Dann zeigt sich die Beeinträchtigung erst, wenn die Anforderungen steigen.

Drei Fragen trennen deshalb Züge von einer möglichen Diagnose:

  • Wie viele Bereiche sind betroffen? Eine Vorliebe für Routinen allein ist etwas anderes als Routinen, soziale Erschöpfung und Reizempfindlichkeit zusammen.
  • Seit wann? Autistische Merkmale bestehen seit der Kindheit, auch wenn sie damals niemandem aufgefallen sind. Was erst nach einer Krise oder einer Erkrankung beginnt, hat oft eine andere Ursache.
  • Was kostet es? Entscheidend ist nicht, ob Ihnen etwas schwerfällt, sondern ob es Ihr Leben spürbar einschränkt oder nur mit dauerhafter Erschöpfung zu bewältigen ist.

Woran sich autistische Züge im Alltag zeigen können

Die folgenden Beobachtungen beschreiben Erwachsene häufig, wenn sie sich mit der Frage beschäftigen. Einzelne Punkte sagen wenig, denn viele davon kennen auch Menschen ohne Autismus. Aufschlussreich ist das Muster.

  • Smalltalk kostet Sie mehr Energie als ein Fachgespräch, und nach Treffen brauchen Sie Zeit allein.
  • Ironie, Andeutungen oder unausgesprochene Erwartungen verstehen Sie manchmal erst im Nachhinein.
  • Sie haben sich Regeln für Gespräche zurechtgelegt, etwa wann man Blickkontakt hält oder wie lange man von sich erzählt.
  • Feste Abläufe geben Ihnen Sicherheit, kurzfristige Änderungen bringen Sie aus dem Takt.
  • Ihre Interessen sind tief und ausdauernd, und Sie sprechen gern ausführlich darüber.
  • Bestimmte Geräusche, grelles Licht, Gerüche oder Etiketten in der Kleidung stören Sie stärker als andere.

Wie sich diese Merkmale bei einer Autismus-Diagnose im Ganzen zeigen, beschreibt der Artikel zu den Symptomen von Autismus bei Erwachsenen. Wenn vor allem Reize zu viel werden, hilft die Abgrenzung im Artikel Autismus oder hochsensibel.

Was Fragebögen zu autistischen Zügen messen

Der bekannteste Fragebogen ist der Autismus-Spektrum-Quotient (AQ) mit 50 Aussagen. In der Originalstudie erreichten rund 80 Prozent der autistischen Erwachsenen 32 Punkte oder mehr, in der Vergleichsgruppe nur rund 2 Prozent (Baron-Cohen et al., 2001). Eine Übersichtsarbeit mit fast 7.000 Erwachsenen ohne Diagnose fand einen Durchschnitt von etwa 17 Punkten, bei Männern etwas höher als bei Frauen (Ruzich et al., 2015).

Ein hoher Wert ist ein Grund, genauer hinzusehen, aber keine Diagnose. Ein niedriger Wert schließt Autismus nicht aus, vor allem nicht bei Menschen, die viel kompensieren. Welche Bögen es gibt und was jeder misst, steht im Artikel zu AQ, RAADS-R und CAT-Q.

Autistische Züge in der Familie

Bei Eltern und Geschwistern autistischer Menschen findet die Forschung schwächere autistische Eigenschaften häufiger als in der übrigen Bevölkerung, etwa eine Vorliebe für Routinen oder Zurückhaltung im Kontakt. Fachleute sprechen vom erweiterten autistischen Phänotyp (Sucksmith et al., 2011). Wenn bei Ihrem Kind oder einem Geschwister Autismus festgestellt wurde und Sie sich in manchem wiedererkennen, ist das also nicht ungewöhnlich. Es bedeutet nicht automatisch, dass auch bei Ihnen eine Diagnose vorliegt.

Wann eine Abklärung sinnvoll ist

Eine fachliche Abklärung lohnt sich vor allem dann, wenn die Merkmale mehrere Bereiche betreffen, seit Ihrer Kindheit bestehen und Sie spürbar belasten: im Beruf, in Beziehungen oder durch dauerhafte Erschöpfung nach sozialen Situationen. Auch eine Überlastung, die mit Urlaub nicht besser wird, ist ein Grund, die Frage ernst zu nehmen. Wenn Sie dagegen einige Züge erkennen, gut damit leben und vor allem verstehen möchten, wie Sie funktionieren, kann ein strukturiertes Screening schon viel ordnen. Wie eine Diagnostik abläuft, was sie kostet und wie lange man wartet, beschreibt der Artikel Autismus-Diagnose: Kosten und Wartezeit.

Was unser Screening dabei leistet

Unser Autismus-Screening fragt die vier Bereiche ab, um die es bei autistischen Zügen geht: soziale Kommunikation, Routinen und Interessen, Sinnesverarbeitung und Ihre Entwicklung in der Kindheit. So sehen Sie nicht nur, ob Ihre Antworten auffallen, sondern auch, in welchen Bereichen. Das Ergebnis erhalten Sie sofort und kostenlos. Der ausführliche, kostenpflichtige Bericht ordnet Ihr Muster Bereich für Bereich ein, orientiert an der ICD-11, und gibt Ihnen eine Grundlage für das Gespräch mit einer Fachperson. Die Diagnose selbst stellt nur die Fachperson.

Quellen und weiterführende Informationen

Erkennen Sie sich in diesen Merkmalen wieder?

Unser kostenloses, anonymes Autismus-Screening zeigt Ihnen, in welchen Bereichen Ihre Antworten auffallen und ob eine Abklärung sinnvoll ist.

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Häufig gestellte Fragen

Habe ich Autismus, wenn ich autistische Züge habe?
Nicht unbedingt. Autistische Züge haben viele Menschen in geringem Maß. Für eine Diagnose müssen die Merkmale mehrere Bereiche betreffen, seit der Kindheit bestehen und das Leben deutlich beeinträchtigen. Ob das bei Ihnen so ist, kann nur eine fachliche Abklärung klären.
Kann man autistische Züge haben, ohne autistisch zu sein?
Ja. Autistische Eigenschaften verteilen sich über die ganze Bevölkerung. Viele Menschen haben einzelne davon, ohne dass sie ihren Alltag einschränken.
Sind autistische Züge erblich?
Zu einem großen Teil. Zwillingsstudien zeigen einen starken erblichen Anteil, und bei Angehörigen autistischer Menschen kommen schwächere autistische Eigenschaften häufiger vor. Erblich heißt aber nicht, dass jedes Familienmitglied betroffen ist.
Gibt es einen Test für autistische Züge?
Fragebögen wie der AQ messen, wie ausgeprägt autistische Eigenschaften sind. Sie geben einen Hinweis, keine Diagnose. Unser Autismus-Screening zeigt zusätzlich, in welchen Bereichen Ihre Antworten auffallen.
Können autistische Züge erst im Erwachsenenalter entstehen?
Autistische Merkmale bestehen seit der Kindheit. Viele Erwachsene bemerken sie aber erst später, etwa wenn Beruf, Familie oder ein Umzug die Anforderungen erhöhen und das Ausgleichen nicht mehr reicht. Was tatsächlich neu beginnt, hat häufig eine andere Ursache und sollte ärztlich abgeklärt werden.

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