AQ, RAADS-R und CAT-Q: Autismus-Fragebögen für Erwachsene erklärt
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AQ, RAADS-R und CAT-Q: Autismus-Fragebögen für Erwachsene erklärt

Wer nach einem Autismus-Test sucht, stößt schnell auf Abkürzungen: AQ, AQ-10, RAADS-R, CAT-Q. Sie stehen auf Webseiten, in Foren und in Videos, oft zusammen mit einer Punktzahl, ab der man „wahrscheinlich autistisch“ sei. Die Fragebögen sind echt und gut untersucht. Wie sie im Internet verwendet werden, entspricht aber oft nicht dem, wofür sie entwickelt wurden.

Ein Fragebogen misst Selbsteinschätzung

Alle hier beschriebenen Verfahren sind Selbstauskunftsbögen. Sie fragen, wie Sie sich selbst sehen. Das Ergebnis hängt also davon ab, wie gut Sie sich beobachten können, wie Sie die Aussagen verstehen und in welcher Verfassung Sie gerade sind. Wer in einer depressiven Phase ist oder starke soziale Angst hat, antwortet bei manchen Aussagen ähnlich wie eine autistische Person.

Ein Cutoff ist der Schwellenwert, der in einer Studie zwei Gruppen am besten getrennt hat. Er gilt für die Stichprobe, an der er ermittelt wurde. Wenn Ihr Wert knapp darüber oder darunter liegt, sagt er wenig darüber, auf welcher Seite Sie tatsächlich stehen.

Der AQ und seine 50 Aussagen

Den AQ hat 2001 eine Gruppe um Simon Baron-Cohen am Autism Research Centre in Cambridge veröffentlicht. Er besteht aus 50 Aussagen, denen Sie in vier Stufen zustimmen oder nicht zustimmen. Gezählt wird aber nur die Richtung: Eine Antwort in Richtung eines autistischen Merkmals ergibt einen Punkt, sonst keinen. Die Höchstpunktzahl liegt bei 50.

Der AQ erfasst Merkmale, die in der ganzen Bevölkerung unterschiedlich stark vorkommen. In der Originalstudie erreichte die Mehrheit der autistischen Teilnehmenden 32 Punkte oder mehr, aber auch ein kleiner Teil der Vergleichsgruppe. Das Autism Research Centre stellt den Fragebogen in vielen Sprachfassungen bereit, darunter mehrere deutsche Übersetzungen von unterschiedlichen Arbeitsgruppen.

Die Kurzfassung AQ-10

Der AQ-10 hat zehn Fragen und ist für die Vorauswahl gedacht. Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt, ihn bei Erwachsenen mit möglichem Autismus in Betracht zu ziehen, sofern keine mittlere oder schwere Lernbehinderung vorliegt. Ab 6 Punkten, oder wenn klinisch ein Verdacht besteht, soll eine umfassende Autismus-Abklärung angeboten werden.

Der Rahmen ist dabei wichtig. Die Leitlinie beschreibt den AQ-10 als Hilfe für Fachleute bei der Frage, ob eine Abklärung angeboten wird. Als Selbstdiagnose ist er dort nicht gedacht. Ein Wert unter 6 schließt Autismus nicht aus, wenn der klinische Eindruck etwas anderes nahelegt.

RAADS-R: heute und in der Kindheit

Die Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale, Revised, hat 80 Aussagen. Das Besondere ist die Antwortskala. Zu jeder Aussage geben Sie an, ob sie heute und in der Kindheit zutrifft, nur heute, nur vor dem 16. Lebensjahr oder nie. So fragt der RAADS-R gezielt nach dem Verlauf, und der Verlauf seit der Kindheit spielt für eine Autismus-Diagnose eine große Rolle.

Die Punkte reichen von 0 bis 240, verteilt auf vier Bereiche: soziale Bezogenheit, umschriebene Interessen, Sprache und sensomotorische Besonderheiten. In der internationalen Validierungsstudie von 2011 mit 779 Teilnehmenden trennte ein Schwellenwert von 65 Punkten die Gruppen am besten. Die Studie berichtet eine Sensitivität von 97 % und eine Spezifität von 100 %.

Diese Zahlen werden online gern zitiert, und sie brauchen Kontext. Die autistischen Teilnehmenden waren vorab ausführlich diagnostiziert, die Vergleichsgruppen klar abgegrenzt. Bei Menschen, die sich mit einem unklaren Verdacht melden, ist die Trennung erfahrungsgemäß weniger scharf. Die Autorinnen und Autoren beschreiben den RAADS-R als ergänzendes Hilfsmittel für die Diagnostik, das eine Fachperson im klinischen Rahmen einsetzt. Allein am Bildschirm ausgefüllt, fehlt genau dieser Rahmen.

Daneben gibt es Kurzfassungen wie den RAADS-14. Das sind eigene Instrumente mit eigenen Schwellenwerten. Ein Test mit 14 oder 20 Fragen, der sich RAADS-R nennt, ist kein RAADS-R.

Der CAT-Q misst Masking, keine Merkmale

Der Camouflaging Autistic Traits Questionnaire misst etwas anderes als AQ und RAADS-R. Er fragt nicht, ob Sie autistische Merkmale haben, sondern wie stark Sie in sozialen Situationen Strategien einsetzen, um solche Merkmale auszugleichen oder zu verbergen. Entwickelt hat ihn eine Gruppe um Laura Hull aus Erfahrungsberichten autistischer Erwachsener, veröffentlicht 2019.

Der CAT-Q hat 25 Aussagen mit einer siebenstufigen Skala und drei Bereiche:

  • Kompensation: Strategien, um soziale Schwierigkeiten aktiv auszugleichen, etwa Gesprächsregeln auswendig lernen oder andere nachahmen.
  • Maskierung: das eigene Auftreten so steuern, dass es unauffällig wirkt, etwa Mimik oder Blickkontakt bewusst kontrollieren.
  • Assimilation: sich in Situationen einfügen, in denen man sich fremd fühlt, und dabei eine Rolle spielen.

Für Menschen, die ihr Leben lang gut funktioniert haben und trotzdem erschöpft sind, kann der CAT-Q aufschlussreich sein. Ein hoher Wert ist aber kein Nachweis von Autismus. Auch nicht-autistische Menschen passen sich an, und die Studie hat beide Gruppen untersucht. Der Fragebogen wurde entwickelt, um Camouflaging zu messen, nicht um Autismus festzustellen.

Die drei nebeneinander

  • AQ (50 Fragen) und AQ-10 (10 Fragen): wie stark autistische Merkmale ausgeprägt sind. Der AQ-10 ist in der NICE-Leitlinie als Vorauswahl genannt.
  • RAADS-R (80 Fragen): autistische Merkmale heute und in der Kindheit. Gedacht als Hilfsmittel für die Diagnostik durch Fachleute.
  • CAT-Q (25 Fragen): wie viel Camouflaging jemand betreibt. Sagt nichts darüber, ob Autismus vorliegt.

Warum dieselbe Person verschiedene Ergebnisse bekommt

Wer mehrere dieser Fragebögen hintereinander ausfüllt, landet oft einmal über und einmal unter dem jeweiligen Schwellenwert. Das ist kein Widerspruch. Die Instrumente messen verschiedene Dinge: Der AQ fragt nach dem heutigen Erleben, der RAADS-R zusätzlich nach der Kindheit, der CAT-Q nach Anpassung. Dazu kommen Unterschiede in der Übersetzung und in der Antwortskala.

Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Nach einer anstrengenden Woche oder in einer Krise erleben sich viele Menschen eingeschränkter als in einer ruhigen Phase. Wer sich lange mit Autismus beschäftigt hat, liest manche Aussagen außerdem anders als beim ersten Mal. Mehrfaches Ausfüllen macht ein Ergebnis deshalb nicht genauer. Notieren Sie lieber, bei welchen Aussagen Sie unsicher waren und warum.

Woran Sie eine seriöse Online-Version erkennen

Die Fragebögen kursieren in vielen Übersetzungen und Nachbauten. Prüfen Sie vor allem vier Dinge:

  • Wird die Quelle genannt, und ist erkennbar, welche Übersetzung verwendet wird? Für den AQ gibt es mehrere deutsche Fassungen, die nicht identisch sind.
  • Stimmt die Anzahl der Fragen mit dem Original überein?
  • Wird die Punktzahl mit ihren Grenzen erklärt, oder steht dort nur „Sie sind wahrscheinlich autistisch“?
  • Müssen Sie eine E-Mail-Adresse angeben, bevor Sie Ihr Ergebnis sehen? Dann ist das Ergebnis an Ihre Kontaktdaten gekoppelt. Überlegen Sie, ob Sie das möchten.

Was Sie mit Ihrem Ergebnis anfangen

Ein hoher Wert in einem dieser Fragebögen ist ein guter Grund, das Thema ernst zu nehmen und eine Abklärung zu erwägen. Ein niedriger Wert ist kein Grund, einen anhaltenden Verdacht abzuschreiben, vor allem wenn Sie sich stark anpassen oder Ihre Kindheit schwer einschätzen können.

Nehmen Sie Ihre Ergebnisse gern mit ins Erstgespräch, aber stellen Sie Beispiele in den Vordergrund. Welche Aussagen haben Sie besonders deutlich bejaht, und welche Situationen fallen Ihnen dazu ein? Damit kann eine Fachperson mehr anfangen als mit einer Zahl.

Typische Merkmale im Alltag beschreibt der Artikel zu Autismus bei Erwachsenen. Den Weg zu einer Abklärung finden Sie in der Übersicht zu Kosten und Wartezeiten. Einen breiteren Überblick über Screening-Verfahren, auch für ADHS, gibt der Artikel zum Neurodivergenz-Test.

Wo unser Screening steht

Unser Autismus-Screening für Erwachsene ist keiner der hier beschriebenen Fragebögen und gibt keine AQ- oder RAADS-R-Werte aus. Es verwendet einen eigenen Fragebogen und beschreibt Ihre Antworten in mehreren Bereichen. Das Ergebnis dient der Orientierung, nicht der Diagnose, und lässt sich nicht mit den Cutoffs der Originalinstrumente vergleichen.

Quellen und weiterführende Informationen

Vermuten Sie ADS, ADHS oder Autismus?

Unser kostenloser, anonymer Online-Test hilft Ihnen herauszufinden, ob eine klinische Abklärung sinnvoll ist.

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Häufig gestellte Fragen

Welcher Autismus-Fragebogen ist für Erwachsene am besten?
Das hängt von der Frage ab. Der AQ-10 ist kurz und in der NICE-Leitlinie als Vorauswahl genannt. Der RAADS-R fragt zusätzlich nach der Kindheit und ist für den Einsatz durch Fachleute gedacht. Der CAT-Q misst Camouflaging, nicht Autismus. Keiner ersetzt eine Abklärung.
Ab welchem AQ-Wert ist man autistisch?
Ab keinem. Beim AQ-10 empfiehlt die NICE-Leitlinie ab 6 Punkten, eine umfassende Abklärung anzubieten. Beim langen AQ lag in der Originalstudie die Mehrheit der autistischen Teilnehmenden bei 32 Punkten oder mehr. Solche Werte sind Anlass für eine Untersuchung, keine Diagnose.
Kann ich den RAADS-R allein online ausfüllen?
Möglich ist es, gedacht ist es anders. Die Autorinnen und Autoren beschreiben den RAADS-R als Hilfsmittel, das eine Fachperson im klinischen Rahmen einsetzt. Die oft zitierten Werte zur Genauigkeit stammen aus einer Studie mit vorab diagnostizierten Teilnehmenden.
Was misst der CAT-Q?
Der CAT-Q misst, wie stark jemand in sozialen Situationen Strategien einsetzt, um autistische Merkmale auszugleichen oder zu verbergen. Er hat drei Bereiche: Kompensation, Maskierung und Assimilation. Ein hoher Wert beweist keinen Autismus.
Gibt es AQ und CAT-Q auf Deutsch?
Für den AQ stellt das Autism Research Centre mehrere deutsche Übersetzungen bereit. Beim CAT-Q und bei Online-Versionen allgemein sollte die Quelle angeben, welche Übersetzung verwendet wird. Fehlt diese Angabe, ist die Punktzahl nur eingeschränkt mit den Studienwerten vergleichbar.

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