Wer heute „Asperger“ in eine Suchmaschine tippt, sucht meistens eine Erklärung für sich selbst, für den Partner oder für einen Angehörigen. Im Alltag ist der Begriff noch überall. In der aktuellen Klassifikation der WHO gibt es ihn nicht mehr.
Das verändert, wie eine Abklärung heute heißt und was in einem Befund steht. An den Merkmalen selbst ändert es wenig.
Was früher mit Asperger-Syndrom gemeint war
In der ICD-10 war das Asperger-Syndrom (F84.5) eine eigene Diagnose innerhalb der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Gemeint waren Menschen mit autistischen Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und mit eingeschränkten, wiederholenden Interessen, aber ohne Verzögerung der Sprachentwicklung und ohne Intelligenzminderung.
Die Grenze zum sogenannten hochfunktionalen Autismus war in der Praxis schwer zu ziehen. Je nach Untersucherin oder Untersucher bekamen Menschen mit sehr ähnlichem Profil unterschiedliche Bezeichnungen. Das war einer der Gründe, die Untergruppen aufzugeben.
Was sich mit DSM-5 und ICD-11 geändert hat
Das amerikanische DSM-5 hat die Untergruppen 2013 zu einer einzigen Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Die ICD-11 der WHO, international seit 2022 in Kraft, geht denselben Weg. Sie kennt nur noch die Autismus-Spektrum-Störung (6A02).
Statt Untergruppen hält die ICD-11 zwei Dinge fest: ob zusätzlich eine Störung der Intelligenzentwicklung vorliegt und wie stark die funktionale Sprache beeinträchtigt ist. Die Kombination „ohne Störung der Intelligenzentwicklung, mit keiner oder geringer Beeinträchtigung der funktionalen Sprache“ (6A02.0) beschreibt ungefähr die Gruppe, die früher oft eine Asperger-Diagnose erhielt. Eins zu eins übertragen lässt sich das nicht.
In Deutschland ist in der Abrechnung noch die ICD-10-GM verbreitet. Den Stand der Einführung der ICD-11 veröffentlicht das BfArM. Es kann also sein, dass auf einem aktuellen Befund noch F84.5 steht, während im Gespräch vom Autismus-Spektrum die Rede ist.
Was mit einer bestehenden Asperger-Diagnose passiert
Sie bleibt gültig. Eine Diagnose verliert ihre Bedeutung nicht, weil ein Klassifikationssystem neue Begriffe einführt. Wer vor Jahren eine Asperger-Diagnose erhalten hat, muss sich nicht nur wegen des neuen Namens noch einmal untersuchen lassen.
Relevant wird die Frage, wenn eine Stelle einen aktuellen Befund verlangt, etwa für einen Nachteilsausgleich im Studium, einen Antrag auf einen Grad der Behinderung oder eine Therapie. Dann entscheidet diese Stelle, wie alt ein Befund sein darf und welche Angaben er enthalten muss. Fragen Sie dort nach, bevor Sie eine neue Diagnostik organisieren.
Viele Menschen behalten den Begriff für sich selbst. Das ist eine persönliche Entscheidung. Andere verzichten bewusst darauf, auch weil historische Forschung die Rolle von Hans Asperger im nationalsozialistischen Wien belegt hat (Czech, 2018). Beide Haltungen begegnen Ihnen in Selbsthilfegruppen und Foren.
Woran Erwachsene die Merkmale heute bemerken
Die Merkmale sind dieselben, die heute für das Autismus-Spektrum beschrieben werden. Erwachsene, deren Profil früher als Asperger bezeichnet worden wäre, nennen häufig:
- Gespräche über Sachthemen gelingen gut, unausgesprochene soziale Regeln bleiben dagegen rätselhaft.
- Die eigene Sprache ist genau, manchmal förmlich. Ironie und Andeutungen werden eher wörtlich verstanden.
- Intensive, lang anhaltende Interessen binden viel Zeit und Aufmerksamkeit.
- Vorhersehbarkeit und feste Abläufe sind wichtig.
- Geräusche, Licht oder Berührung werden schnell zu viel.
- Nach sozialen Situationen folgt Erschöpfung, auch wenn sie nach außen gut verlaufen sind.
Eine ausführlichere Beschreibung mit Beispielen aus dem Alltag steht im Artikel zu Symptomen von Autismus bei Erwachsenen.
Asperger bei Frauen
Die frühen Fallbeschreibungen, auch die von Hans Asperger selbst, betrafen Jungen. Frauen mit einem ähnlichen Profil fielen seltener auf: Ihre Interessen wirken oft weniger ungewöhnlich, und viele passen sich in Gesellschaft stark an. Viele erhalten die Diagnose deshalb erst als Erwachsene, oft nach Jahren mit anderen Diagnosen. Mehr dazu im Artikel zu Autismus bei Frauen.
Wenn Sie den Verdacht bei Ihrem Partner haben
Manchmal stellt nicht die betroffene Person die Frage, sondern ihre Partnerin oder ihr Partner. Das ist verständlich, wenn sich Missverständnisse wiederholen und man eine Erklärung sucht. Ein Test, den Sie stellvertretend ausfüllen, liefert diese Erklärung nicht. Selbstauskunftsbögen sind dafür gemacht, dass die Person selbst antwortet. Ihre Beobachtungen von außen sind wertvoll, aber sie gehören in ein Gespräch in der Diagnostik, nicht in einen Online-Test.
Was stattdessen hilft:
- Beschreiben Sie konkrete Situationen statt einer Vermutung, etwa: „Wenn Pläne kurzfristig geändert werden, zieht er sich für den Rest des Tages zurück.“
- Sprechen Sie das Thema als Frage an, nicht als Befund. Eine Diagnose von außen zugeschrieben zu bekommen, empfinden viele als übergriffig.
- Wenn die Person offen dafür ist, kann sie selbst ein Screening machen und dann entscheiden, ob sie eine Abklärung möchte.
- Eine Paarberatung, die sich mit Autismus auskennt, kann helfen, unabhängig davon, ob es am Ende eine Diagnose gibt.
Wenn die Diagnose aus der Kindheit stammt
Viele Erwachsene haben ihre Asperger-Diagnose als Kind oder Jugendliche erhalten und besitzen den Befund nicht mehr. Wenn Sie ihn brauchen, lohnt sich zuerst die Suche nach Unterlagen, bevor Sie eine neue Diagnostik beginnen:
- Fragen Sie bei der Praxis, Klinik oder Ambulanz nach, die damals untersucht hat. Unterlagen werden oft viele Jahre aufbewahrt, die Fristen unterscheiden sich aber.
- Eltern haben manchmal Kopien von Berichten, Arztbriefen oder Förderplänen aus der Schulzeit.
- Auch Unterlagen zu Nachteilsausgleich, Schulbegleitung oder Frühförderung können zeigen, dass die Diagnose gestellt wurde.
Manche Erwachsene möchten ihre frühere Diagnose aber auch überprüfen lassen, weil sie sich heute anders erleben oder weil später weitere Themen wie ADHS, Angst oder Depression dazugekommen sind. Das ist ein berechtigter Grund für eine neue Abklärung, und die Fachperson berücksichtigt dann auch die alten Befunde.
Wo Sie mit dem alten Begriff noch Hilfe finden
Für die Suche nach Unterstützung ist der Begriff nicht verloren. Einige Selbsthilfegruppen, Vereine und Bücher tragen „Asperger“ weiter im Namen, weil sich viele Mitglieder damit identifizieren. Für eine Diagnostik suchen Sie dagegen nach Angeboten zur Autismus-Abklärung bei Erwachsenen, etwa Spezialsprechstunden an Universitätskliniken oder Autismus-Ambulanzen. Unter „Asperger-Diagnostik“ finden Sie weniger aktuelle Anlaufstellen.
Wie eine Abklärung heute abläuft
Eine Diagnostik auf „Asperger“ gibt es im engen Sinn nicht mehr. Sie melden sich zu einer Autismus-Abklärung für Erwachsene an. Dazu gehören ausführliche Gespräche, die Entwicklungsgeschichte, wenn möglich Angaben von Eltern oder Geschwistern, und die Prüfung anderer Erklärungen wie ADHS, Angst oder Depression. Die NICE-Leitlinie beschreibt diesen Umfang für die Abklärung bei Erwachsenen.
Wie Sie eine Anlaufstelle finden, wie lange Sie warten und was privat zu bezahlen ist, steht in der Übersicht zu Kosten und Wartezeiten. Wenn Sie ein Angebot per Video in Betracht ziehen, lesen Sie vorher, was eine Autismus-Diagnostik online leisten kann.
Ein Asperger-Test im Internet
Manche Online-Tests tragen den Namen noch im Titel. Dahinter steckt dann oft ein bekannter Fragebogen wie der AQ oder der RAADS-R, dessen voller Name Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale lautet. Was diese Fragebögen messen und wo ihre Grenzen liegen, beschreibt der Artikel zu AQ, RAADS-R und CAT-Q.
Unser Autismus-Screening für Erwachsene verwendet einen eigenen Fragebogen, keinen der genannten. Es ordnet Ihre Antworten ein und kann ein Anlass sein, eine Abklärung zu suchen. Eine Diagnose stellt es nicht, auch keine Asperger-Diagnose.