Die Kinderpsychiaterin erklärt, was ADHS bei Ihrer Tochter bedeutet, und Sie sitzen daneben und denken: Das bin ich. Die Zettel überall, die halb fertigen Projekte, der Kopf, der nie still ist, die Erschöpfung am Abend, obwohl doch „nichts Besonderes“ war. So oder ähnlich beginnt die Geschichte vieler Frauen, die ihre ADHS-Diagnose mit dreißig, vierzig oder fünfzig bekommen.
Dass es so spät passiert, ist kein Zufall. ADHS bei Frauen sieht oft anders aus als das Bild, das die meisten im Kopf haben, und es wird lange für etwas anderes gehalten.
Warum Mädchen seltener auffallen
Im Kindesalter wird ADHS bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert. Bei Erwachsenen gleicht sich das Verhältnis an. Ein internationaler Expertenkonsens und eine Übersichtsarbeit von Hinshaw und Kollegen nennen mehrere Gründe dafür:
- Häufiger die unaufmerksame Form. Ein Mädchen, das im Unterricht aus dem Fenster schaut, stört niemanden. Ein Junge, der durch die Klasse läuft, schon.
- Mehr Anpassung. Viele Mädchen lernen früh, ihre Schwierigkeiten mit Fleiß, Ordnungssystemen und Perfektionismus auszugleichen. Das funktioniert eine Zeit lang und kostet viel Kraft.
- Leidensdruck nach innen. Statt auffälligem Verhalten zeigen sich eher Ängste, Niedergeschlagenheit oder ein angeschlagenes Selbstwertgefühl.
- Erwartungen. Gesprächigkeit gilt bei Mädchen als Charakterzug, Vergesslichkeit als Schusseligkeit, emotionale Heftigkeit als Empfindlichkeit.
Wie ADHS bei Frauen aussehen kann
Die Kriterien der ICD-11 sind für alle gleich. Wie sie sich im Leben zeigen, unterscheidet sich aber oft. Diese Beschreibungen hören Fachleute von Frauen besonders häufig:
Im Kopf
- Ein ständiges Gedankenkarussell, auch nachts
- Gespräche, bei denen Sie zuhören wollen und trotzdem abdriften
- Das Gefühl, alles gleichzeitig im Blick haben zu müssen und dabei das Wichtigste zu vergessen
Im Alltag
- Die Organisation von Familie, Haushalt und Terminen frisst unverhältnismäßig viel Energie
- Nach außen funktioniert alles, weil Sie abends nacharbeiten, was tagsüber liegen geblieben ist
- Ordnungssysteme werden mit Begeisterung eingeführt und nach drei Wochen aufgegeben
- Rechnungen, Fristen und Rückmeldungen rutschen durch und lösen dann Scham aus
Gefühle und Beziehungen
- Gefühle kommen schnell und heftig, Kritik trifft tief
- Freundschaften schlafen ein, weil Sie vergessen, sich zu melden, nicht weil sie Ihnen egal sind
- In Gruppen reden Sie viel und ärgern sich hinterher, jemanden unterbrochen zu haben
- Dauerhafte Erschöpfung, die nicht zu dem passt, was Sie „objektiv“ leisten
Wenn Hyperaktivität anders aussieht
Nicht alle Frauen mit ADHS haben die stille Form. Bei manchen ist die Hyperaktivität da, nur in einer Gestalt, die selten als Symptom gelesen wird:
- Sie reden viel und schnell, springen von Thema zu Thema und merken erst hinterher, dass andere kaum zu Wort gekommen sind.
- Sie können schlecht nichts tun. Auf dem Sofa läuft nebenher das Handy, im Urlaub planen Sie schon den nächsten Ausflug.
- Sie sagen spontan zu, kaufen spontan ein, kündigen spontan, und ärgern sich später darüber.
- Sport, lange Spaziergänge oder ein voller Kalender sind die Art, mit der inneren Unruhe umzugehen.
Von außen wirkt das wie Temperament oder Tatkraft. Von innen fühlt es sich oft an wie ein Motor, der sich nicht abstellen lässt.
Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre
Viele Frauen mit ADHS berichten, dass ihre Symptome in bestimmten Phasen stärker werden: vor der Periode, nach einer Geburt oder in den Jahren vor der Menopause. Die Forschung dazu steht noch am Anfang. Eine niederländische Studie von Dorani und Kollegen fand bei Frauen mit ADHS deutlich häufiger prämenstruelle Stimmungsbeschwerden, Depressionen nach der Geburt und Beschwerden in den Wechseljahren als in einer Vergleichsgruppe. Der Expertenkonsens empfiehlt deshalb, hormonelle Phasen bei der Abklärung mitzudenken.
Praktisch heißt das: Wenn Sie den Eindruck haben, dass Konzentration und Stimmung mit dem Zyklus schwanken, notieren Sie es ein paar Monate lang. Für das Gespräch mit einer Fachperson ist das wertvoll.
Die Umwege über andere Diagnosen
Viele Frauen werden zuerst wegen Depression, Angststörung oder Erschöpfung behandelt, manchmal über Jahre. Eine Übersicht von Quinn und Madhoo beschreibt genau dieses Muster: Die begleitenden Beschwerden fallen auf, die ADHS darunter nicht. Oft sind beide Diagnosen richtig. Wenn aber die Behandlung der Depression hilft und das Chaos im Alltag bleibt, lohnt es sich nachzufragen.
Wie Sie ADHS von einer Erschöpfung durch Überlastung unterscheiden, beschreibt der Artikel ADHS oder Burnout.
ADHS, Autismus oder beides?
Auch Autismus wird bei Frauen oft spät erkannt, und beides kommt häufig zusammen vor. Die Unterscheidung ist nicht immer leicht. Grob gesagt: Bei ADHS steht die Steuerung von Aufmerksamkeit und Antrieb im Vordergrund, bei Autismus eher soziale Kommunikation, Reizverarbeitung und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit. Wenn Sie sich in beidem wiederfinden, lesen Sie ADHS oder Autismus und Autismus bei Frauen.
Wenn die Diagnose über das eigene Kind kommt
ADHS ist stark erblich, das betont auch die europäische Konsensempfehlung zu ADHS bei Erwachsenen. Wenn ein Kind die Diagnose bekommt, erkennen sich Mütter und Väter deshalb nicht selten selbst darin wieder. Das ist kein Beweis, aber ein guter Grund, die eigene Geschichte genauer anzuschauen.
Was Sie für eine Abklärung vorbereiten können
- Alte Zeugnisse: Bemerkungen wie „verträumt“, „könnte mehr, wenn sie sich anstrengen würde“ oder „redet viel“ sind aufschlussreich.
- Konkrete Beispiele: Schreiben Sie fünf Situationen aus den letzten Monaten auf, in denen Aufmerksamkeit oder Organisation Sie im Stich gelassen haben.
- Eine zweite Sicht: Eltern, Geschwister oder Partner können oft beschreiben, wie Sie als Kind waren.
- Ein Zyklusprotokoll, wenn Sie Schwankungen vermuten.
- Bisherige Diagnosen und Behandlungen, mit dem, was geholfen hat und was nicht.
Wie die Diagnostik selbst abläuft, steht im Artikel Ablauf der ADHS-Diagnostik. Einen Überblick über die Symptome bei Erwachsenen insgesamt gibt ADHS und ADS bei Erwachsenen.
Spät erkannt, und jetzt?
Eine Diagnose mit vierzig oder fünfzig löst oft zweierlei aus: Erleichterung, weil sich vieles plötzlich erklärt, und Trauer über die Jahre, in denen Sie sich für faul, chaotisch oder zu empfindlich gehalten haben. Beides ist verständlich, und für beides ist im Gespräch mit einer Therapeutin Platz.
Für die Behandlung gelten bei Frauen dieselben Bausteine wie bei Männern: Psychoedukation, Psychotherapie, bei deutlicher Einschränkung Medikamente, dazu praktische Hilfen für den Alltag. Der Expertenkonsens zu Frauen mit ADHS empfiehlt zusätzlich, Zyklus, Schwangerschaftswunsch und Wechseljahre bei der Planung mitzudenken, weil sich Beschwerden und Bedarf in diesen Phasen verändern können.
Ein erster strukturierter Blick
Unser ADHS-Screening fragt Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die Auswirkungen auf Ihren Alltag und Ihre Kindheit getrennt ab. Entwickelt wurde es mit der approbierten Psychotherapeutin Simone Kästner. Das Ergebnis sehen Sie sofort und kostenlos. Ein ausführlicher, kostenpflichtiger Bericht wertet Ihre Antworten Bereich für Bereich aus und eignet sich als Unterlage für den Arzttermin.
Ein Screening stellt keine Diagnose. Es hilft Ihnen einzuschätzen, ob sich der Weg zur Abklärung lohnt, und gibt Ihnen für das Gespräch etwas Konkretes in die Hand.
Wann Sie nicht warten sollten
Wenn Sie über Wochen niedergeschlagen sind, kaum noch schlafen oder daran denken, dass alles keinen Sinn mehr hat, warten Sie nicht auf eine ADHS-Abklärung. Sprechen Sie zeitnah mit Ihrer Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. In einer akuten Krise erreichen Sie die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, in einem Notfall den Rettungsdienst unter 112.
Quellen und weiterführende Informationen
- Young et al. (2020): Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach. BMC Psychiatry
- Hinshaw et al. (2021): Annual Research Review: Attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. Journal of Child Psychology and Psychiatry
- Quinn & Madhoo (2014): A Review of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Women and Girls. Primary Care Companion for CNS Disorders
- Dorani et al. (2021): Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. Journal of Psychiatric Research
- Kooij et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry
- WHO ICD-11: 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder