Sie sitzen vor einer Aufgabe, die früher eine halbe Stunde gedauert hätte, und kommen nicht in Gang. Sie lesen denselben Absatz zum vierten Mal. Abends sind Sie leer, am Wochenende auch, und Sie fragen sich, ob das noch Erschöpfung ist oder ob etwas anderes dahintersteckt. Irgendwann fällt im Internet das Wort ADHS.
Die Frage ist berechtigt. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Reizbarkeit und das Gefühl, nichts mehr zu schaffen, gehören zu beiden Bildern. Trotzdem lassen sie sich meist gut auseinanderhalten, wenn man an der richtigen Stelle hinschaut.
Was Burnout eigentlich ist
Burnout ist in der ICD-11 der WHO keine Krankheit, sondern ein „Phänomen im beruflichen Kontext“ (Code QD85). Gemeint ist die Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht bewältigt werden konnte. Die WHO beschreibt drei Merkmale:
- Gefühle von Energieverlust oder Erschöpfung,
- wachsende innere Distanz zur Arbeit, oft mit Zynismus oder Gleichgültigkeit,
- das Gefühl, weniger zu leisten und nichts mehr zu erreichen.
Die WHO betont, dass der Begriff nur für den Beruf gilt. In Deutschland schreiben Ärztinnen bei Arbeitsunfähigkeit wegen Burnout häufig Z73.0 („Ausgebranntsein“) auf die Krankschreibung, oder es wird eine Depression oder Anpassungsstörung diagnostiziert, weil die eigentliche Behandlung über diese Diagnosen läuft.
Was ADHS ist
ADHS ist eine Störung der neurologischen Entwicklung. Die ICD-11 beschreibt ein anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität, das in der Entwicklungszeit beginnt, typischerweise in der frühen bis mittleren Kindheit, und sich in mehreren Lebensbereichen zeigt. Bei Erwachsenen tritt die Hyperaktivität oft in den Hintergrund. Was bleibt, ist innere Unruhe, Ablenkbarkeit, Aufschieben und Schwierigkeiten, den Alltag zu organisieren.
ADHS entsteht nicht im Erwachsenenalter. Wer mit vierzig zum ersten Mal Konzentrationsprobleme hat, die es vorher nie gab, hat mit großer Wahrscheinlichkeit kein ADHS, sondern etwas anderes.
Die Frage, die am meisten unterscheidet: seit wann?
Wenn Sie nur eine Frage beantworten, dann diese: War es früher anders?
Eher Burnout
- Es gab eine Zeit, in der Sie gut organisiert, konzentriert und belastbar waren.
- Die Probleme haben mit einer bestimmten Phase begonnen: neue Stelle, mehr Verantwortung, Pflege eines Angehörigen, ein Konflikt im Team.
- Sie betreffen vor allem die Arbeit. Bei Hobbys oder mit Freunden ist es zunächst besser.
- Nach zwei Wochen echtem Urlaub geht es spürbar besser, zumindest bis zum ersten Arbeitstag.
- Sie haben das Interesse an Dingen verloren, die Ihnen früher wichtig waren.
Eher ADHS
- Schon in der Schule hieß es „könnte mehr, wenn sie sich anstrengen würde“, oder Sie haben alles in letzter Minute erledigt.
- Die Schwierigkeiten ziehen sich durch alle Bereiche: Beruf, Haushalt, Finanzen, Beziehungen.
- Urlaub ändert wenig an der Unordnung, an verlegten Dingen oder am Aufschieben.
- Bei Themen, die Sie fesseln, können Sie stundenlang konzentriert arbeiten und vergessen dabei zu essen.
- Sie haben über Jahre Strategien entwickelt, um durchzukommen: Listen, Wecker, Druck von außen, Nachtschichten vor Abgaben.
Der Punkt mit dem Interesse ist oft aufschlussreich. Bei einem Burnout verblasst die Freude an vielem, auch an Dingen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Bei ADHS ist die Begeisterung für bestimmte Themen meist intakt. Das Problem ist, die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die nicht fesseln.
Zwei Beispiele, wie es aussehen kann
Eine Teamleiterin, Mitte vierzig, war jahrelang die Zuverlässige. Seit einer Umstrukturierung hat sie doppelt so viele Leute zu führen, schläft schlecht und vergisst Dinge, die ihr früher nie entgangen wären. Am Wochenende liegt sie auf dem Sofa und hat zu nichts Lust, nicht einmal zum Laufen, das sie früher liebte. Nach drei Wochen Urlaub fühlt sie sich besser, nach drei Tagen im Büro ist alles wieder da. Das klingt nach einem Burnout.
Ein Grafiker, Anfang dreißig, hat schon immer alles auf den letzten Drücker gemacht. In der Schule hieß es, er sei begabt, aber faul. Er verliert ständig Schlüssel, zahlt Rechnungen zu spät und hat drei angefangene Weiterbildungen. Wenn ein Projekt ihn packt, arbeitet er nächtelang durch. Seit er selbstständig ist und niemand mehr Abgabetermine setzt, kommt er gar nicht mehr in Gang und ist erschöpft vom ständigen Hinterherlaufen. Hier lohnt sich die Frage nach ADHS.
Beide Geschichten sind ausgedacht, aber typisch. Bei vielen Menschen ist es weniger eindeutig.
Warum beides oft zusammen auftritt
Die Unterscheidung oben klingt sauber. In der Wirklichkeit ist es häufig nicht entweder oder. Erwachsene mit ADHS, die nie diagnostiziert wurden, haben oft jahrelang mit hohem Aufwand ausgeglichen, was anderen leichter fällt. Sie arbeiten länger, kontrollieren dreimal, bleiben abends sitzen, um den Rückstand aufzuholen. Das geht eine Weile gut.
Kommt dann eine Phase mit mehr Belastung, etwa ein neuer Job, ein Kind oder eine Trennung, reichen die Strategien nicht mehr. Die Erschöpfung, die dann folgt, sieht aus wie ein Burnout und ist auch einer. Darunter liegt aber etwas, das schon immer da war. Bei manchen Erwachsenen fällt ADHS genau an diesem Punkt zum ersten Mal auf.
Der europäische Expertenkonsens zur ADHS bei Erwachsenen (Kooij et al., 2019) beschreibt, dass bei Erwachsenen mit ADHS häufig weitere Störungen hinzukommen, darunter Depressionen, Angststörungen und Schlafprobleme. Wer mit einer Burnout-Diagnose in Behandlung ist und merkt, dass sich die Konzentrationsprobleme trotz Erholung nicht bessern, kann das ansprechen. Eine Behandlung, die nur den Stress angeht, greift dann zu kurz.
Wenn eher Reize und Menschen erschöpfen
Manche Menschen sind weniger von der Arbeit selbst erschöpft als von dem, was drumherum passiert: Lärm im Großraumbüro, ständige Absprachen, Smalltalk in der Kaffeeküche, unklare Erwartungen. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt und Rückzug das Einzige ist, was hilft, lohnt sich auch ein Blick auf Autismus. Autistische Erwachsene beschreiben eine Form der Erschöpfung, die als autistischer Burnout bekannt ist und mit einer geringeren Toleranz für Reize einhergeht. Mehr dazu steht im Artikel Autismus bei Frauen, der das Thema Masking und Erschöpfung ausführlich behandelt, und unter ADHS oder Autismus.
Körperliche Ursachen nicht vergessen
Bevor Sie zwischen ADHS und Burnout entscheiden, sollte eine Hausärztin einen Blick auf die naheliegenden körperlichen Ursachen werfen. Eine Unterfunktion der Schilddrüse, Eisenmangel, ein Mangel an Vitamin B12 oder schlafbezogene Atemstörungen können Müdigkeit und Konzentrationsprobleme machen, die sich mit nichts anderem erklären lassen. Ein Blutbild ist schnell gemacht. Auch wenn Erschöpfung sich körperlich zeigt, etwa mit Schwindel bei Burnout, gehört die ärztliche Abklärung an den Anfang.
Was Sie selbst sortieren können
Nehmen Sie sich zwanzig Minuten und ein Blatt Papier. Beantworten Sie für sich:
- Wann habe ich mich zuletzt richtig leistungsfähig gefühlt? Gab es so eine Zeit überhaupt?
- Wie war ich in der Schule? Was stand in den Zeugnissen?
- Betreffen meine Schwierigkeiten nur die Arbeit, oder auch Wohnung, Rechnungen, Termine, Freundschaften?
- Was passiert in einer Woche ohne Verpflichtungen? Werde ich ruhiger, oder bleibt das innere Chaos?
- Gibt es Dinge, bei denen ich mich mühelos stundenlang konzentrieren kann?
Wenn Sie bei den meisten Fragen bei „schon immer so“ landen, spricht das eher für eine lebenslange Ursache wie ADHS. Wenn sich ein klares Vorher und Nachher zeigt, eher für eine Erschöpfung durch Überlastung. Wenn beides passt, sind Sie in guter Gesellschaft, und genau dann lohnt sich eine fachliche Abklärung besonders.
Ein strukturierter Blick auf die ADHS-Frage
Unser ADHS-Screening fragt nicht nur nach Ihrer aktuellen Konzentration, die bei einem Burnout ebenfalls leidet. Es geht Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die Auswirkungen auf Ihren Alltag und Ihre Kindheit getrennt durch. Gerade der Teil zur Kindheit hilft bei der Frage, ob etwas schon immer da war. Das Ergebnis bekommen Sie sofort und kostenlos. Ein ausführlicher Bericht, der Ihre Antworten Bereich für Bereich auswertet und zeigt, was hinter dem Ergebnis steht, ist optional und kostenpflichtig.
Ein Screening ist keine Diagnose, auch keine Burnout-Diagnose. Es hilft Ihnen einzuschätzen, ob die ADHS-Spur weiter verfolgt werden sollte, und gibt Ihnen für das Gespräch mit Ärztin oder Psychotherapeut etwas Konkretes in die Hand. Wie es nach einem ADS-Verdacht weitergeht, steht im Artikel ADS-Verdacht bei Erwachsenen.
Wann Sie nicht warten sollten
Wenn Sie kaum noch schlafen, sich morgens nicht mehr aufraffen können, über Wochen niedergeschlagen sind oder daran denken, dass alles keinen Sinn mehr hat, warten Sie nicht auf eine ADHS-Abklärung. Sprechen Sie zeitnah mit Ihrer Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. In einer akuten Krise erreichen Sie die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, in einem Notfall den Rettungsdienst unter 112.